Wostok Amphibia 1190100 im Tonneau-Gehäuse Nr. 119 (UdSSR, ca. 1980)

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Wostok Amphibia 1190100 im Tonneau-Gehäuse Nr. 119 (UdSSR, ca. 1980)

17 Feb. 2024 04:05 - 17 Feb. 2024 05:01
#20597
Heute möchte ich meine Wostok Amphibia, Modell 1190100 (2209 / 1190100) zeigen, die mit einer angegebenen Wasserdichte von 200 m eine echte Taucheruhr ist (sie kommt bei mir gern als ‘Schlechtwetteruhr’ zum Einsatz, wenn die Gefahr besteht, dass ich einen Regenguss abbekommen könnte). 
Ich trage die Uhr sehr gern, denn trotz ihrer Grösse ist sie sehr bequem zu tragen und sie hat ausserdem kein Datum, ist also eine Uhr für schnelle Entschlüsse, die in wenigen Augenblicken einsatzfähig ist: Aufziehen, stellen, anlegen – fertig.



Die Uhr hat ein Tonneau-Gehäuse mit einem fest eingelegten Rückendeckel mit zwei Nasen, die in zwei Auslassungen im Schraubgewinde des Gehäuses bei den Hörnern passen. Befestigt wird der Deckel mit einem Schraubring aus Edelstahl (Gehäuse Nr. 119) als Überwurf. Dadurch wird ein Verschieben und Verformen des innen eingelegten breiten Gummi-Dichtrings beim Drehen des Uhrbodens verhindert.



Es gab Rückendeckel mit leicht verschiedenem Dekor. Bei manchen war das Gütesiegel der UdSSR abgebildet, bei anderen – wie bei meiner – fehlt dieses Gütesiegel.

de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCtesiegel_der_UdSSR

Rückendeckelbeschriftung:
Водонепроницаемые 200 M (vodonepronitsayemyye 200 M : wasserdicht bis 200 m)
Противоударные (protivoudarnyye: stossfest)

Das Gehäuse hat oben einen radialen Schliff («Sonnenschliff»), die Seiten sind glatt und glänzend. Das ist ein sehr besonderer Schliff, denn er besteht nicht einfach aus einzelnen Riefen, sondern aus Strahlenbündeln. Möglicherweise handelt es sich auch gar nicht um einen echten Schliff, sondern um eine geprägte Skulptur. Sollte dieser Schliff einmal durch Nachpolieren abgetragen worden sein, bekommt man es wohl kaum wieder in ähnlicher Weise hin.

Auch die Schraubkrone besteht aus Edelstahl (es gab 2 Modifikationen: eine (seltene) flachere, oben gewölbte frühe und eine höhere, oben abgeflachte spätere Variante; dies ist die spätere).



Die Lünette besteht aus verchromtem Messing, beidseitig stufenlos drehbar, Dekor (60-Minuten) vertieft und schwarz und rot lackiert.
Im Gegensatz zum abriebresistenten Gehäuse aus Edelstahl, hat die verchromte Lünette bei den gebrauchten Uhren oft schon deutliche Gebrauchsspuren, oft fehlt stellenweise das Chrom, besonders am Lünettenrand und das darunter liegende Messing ist sichtbar, was nicht schön aussieht. Es empfiehlt sich also ein besonders kritischer Blick auf den Zustand der Lünette. Sollte die schwarze und rote Lackierung lückenhaft sein, so ist das nicht schlimm, denn man kann das leicht mit Modellbaufarbe wieder erneuern.

Die Uhr hat ein spezielles, besonders dickes Plexiglas («Lucite»), 3 mm dick. Es gab im Lauf der Bauzeit des Gehäuses 119 zwei Modifikationen: eine ganz durchgewölbte frühere (selten) und eine spätere, nur am Rand gewölbte, aber oben flache Variante; dies ist die spätere. Das Plexiglas ist einfach ins Gehäuse eingepresst, es gibt keinen Dichtring. Das Plexiglas kann sich bei Erhöhung des Aussendrucks in grösserer Wassertiefe verformen und presst sich auch stärker an das Gehäuse. Die Konstruktion gilt als ausgesprochen zuverlässig.

Breite (ohne Krone): 39 mm
Höhe: («Horn zu Horn): 47 mm
Dicke: 12,4 mm
Ansatzbreite des verdeckten Bandanstosses: 18 mm
 
Der Bandanstoss von 18 mm ist recht schmal für die grosse Uhr. Falls man also ein Uhrenband aus Leder oder ein textiles Durchzugband benutzen möchte, sieht das Riemchen, das da dran passt, unter Umständen etwas schmächtig aus.
Ich lege aber eigentlich alle meine Uhren an ein Stahlband und so habe ich ein NOS-Band benutzt, das wohl aus den ‘70ern stammt, wo das erste Element nach dem Bandanstoss von 18 mm deutlich breiter ist, nämlich 24 mm. Von dort verläuft das Band stark bis auf 16,5 mm an der Kastenschliesse.



Das Zifferblatt ist in der Mitte matt schwarz, ein Ring mit den stabförmigen und weiss gedruckten Stundenindexen, der sich bei jeder Stunde nach aussen in die schwarze, weiss bedruckte Minuterie erweitert, ist hell blaugrau. Bei jeder dieser Erweiterungen ist jede Stunde durch einen runden Punkt aus Leuchtmasse markiert, die Stunde 12 durch einen Leuchtmasse-Strich. Auf der Drehlünette gibt es keine Leuchtperle oder sonstige Leuchtmasse. Für dieses Zifferblatt habe ich irgendwo den Namen «Mühlrad-Design» gelesen, der m.E. gut passt.
 
Die Zifferblattbeschriftung ist blaugrau und kyrillisch
 
Zifferblattbeschriftung:
ВОСТОК (Wostok)
антимагнитные (antimagnitnyye: antimagnetisch)
18 камнеи; eigentlich камни (18 kamni: 18 Steine)
сделано в СССР (sdelano v SSSR: hergestellt in der UdSSR)

Bei den Uhren mit der Beschriftung «Antimagnetisch» auf dem Zifferblatt, wie bei meiner, war (immer?) eigentlich noch zusätzlich ein innerer Weicheisendeckel eingelegt, der das Werk von hinten abdeckt. Bei meiner Uhr fehlt ein solcher Weicheisendeckel.
Es gab das ansonsten genau gleiche Zifferblatt auch ohne Beschriftung «Antimagnetisch».
 
Die Zeiger sind die typischen Amphibia-Zeiger, die noch heute bei den 24xx-Werken verwendet werden: Ein paralleler schwertförmiger Minutenzeiger, ein paralleler Stundenzeiger mit Pfeilspitze, beide skelettiert und mit Leuchtmasse gefüllt, sowie ein sehr dünner paralleler Sekundenzeiger mit Schwänzchen und einer runden skelettierten Kelle vor der Spitze, die mit Leuchtmasse gefüllt ist. Sie sehen auch heute noch optisch genau gleich aus. Ich weiss aber nicht, ob die heutigen Zeiger in der Länge genau den alten sowjetischen entsprechen, und ich weiss auch nicht, ob man diese heutigen Zeiger für ein 24xx-Werk ohne weiteres auf eine alte sowjetische Amphibia aufsetzten kann, denn es könnte sein, dass die Zeigerlochgrösse der damals verwendeten 22xx-Werke und der heute verwendeten 24xx-Werke verschieden sind.



Das verwendete Werk, ein Kaliber Wostok 2209 ist klein im Vergleich zu dem grossen Gehäuse (bei sowjetischen Kalibern aller Uhrenhersteller geben die ersten zwei Nummern der Kalibernummer immer den Durchmesser in mm an; bei den 22xx-Werken also 22 mm). Es ist sehr ähnlich dem Kaliber 2234 in meiner Komandirskie, die ich neulich vorgestellt habe. Dort ist das Werk kurz beschrieben und es gibt dort auch eine Revisionsanleitung von Youtube:
www.roguewatches.de/index.php/uhren-aus-...-mit-dem-wostok-2234
 
Es gab bei den 22xx-Werken im Laufe ihrer Bauzeit eine Modifikation der Unruh. Während die Komandirskie in dem anderen Thread die alte Unruh zeigt (zweischenklige monometallische Schraubenunruh mit Breguetspirale, fester Spiralklötzchenträger am Unruhkloben, Rücker mit Rückerzeiger), sieht man bei dieser Amphibia die neue Unruh (dreischenklige Ringunruh ohne Schrauben, Flachspirale, drehbarer Spiralklötzchenträger, kein Rückerzeiger am Rücker).

Ausserdem wurde bei den neuen Werken auf die Anglierung der Kloben und Brücken verzichtet und die Werke sind nicht mehr zum äusseren Rand hin abgeschrägt (beides kann man beim Werk in der Komandirskie noch sehen)



Das Werk ist auf der Räderwerksbrücke gepunzt mit 'SU' für Sowjetunion und mit der Kalibernummer '2209'.
Unter der Unruh ist die Wostok-Bildmarke gepunzt, die aussieht wie ein grosses B mit einem Kringel drum.

Key Words für die Suchmaschinen:

Wostok, Vostok, ВОСТОК, Amfibia, Amphibia, Amphibian, USSR, CCCP, UdSSR, tonneau, barrel, case 119, model 1190100, caliber Vostok 2209

Quellen:
www.finestraweb.net/vostok-amphibia-tonneau.html
Beschreibung Modell 1190100

vostokamphibiacccp.altervista.org/cassa-119-tonneau/
Abbildungen mehrerer (aller?) Varianten im Gehäuse 119 mit cal. 2209

en.wikipedia.org/wiki/Amfibia
Beschreibung der Entstehungsgeschichte und Gehäusekonstruktion

www.safonagastrocrono.club/vostok-amphib...9-second-generation/
Entstehungsgeschichte und Gehäusekonstruktion, Modelle im Gehäuse 119


Youtube-Video mit einer quasi identischen Wostok Amphibia 1190100

meranom.com/de/
Offizieller Online Shop von Vostok Chistopol / Verkaufsplattform von Wostok



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Eine seit Jahren zuverlässige Quelle für fabrikneue Wostok-Uhren ist die Seite meranom.com/de/ .

Leider beobachte ich seit einiger Zeit einen unguten Trend dort: Immer mehr Wostok-Modelle verschwinden. Gleichzeitig gibt es immer mehr Uhren der neu aufgelegten Marke ‘Buyalov Design’, die zwar im Grunde genau so aussehen wie Wostok-Modelle, aber nicht mit Wostok-Kalibern, sondern mit dem Kaliber NH 35 (Seiko) ausgestattet sind (und auch leider deutlich teurer sind).
Das macht auf mich den Eindruck eines Abverkaufs der auslaufenden Wostok-Modelle, als ob die Produktion von Wostok nach und nach eingestellt und durch diese Buyalov-Uhren mit japanischen Seiko-Werken ersetzt wird.

Wer heute eine fabrikneue Uhr möchte, die sehr ähnlich meiner vorgestellten Amphibia aussieht, hat eine Chance, denn das alte Tonneau-Gehäuse wurde vor einigen Jahren wieder neu aufgelegt.
Es gibt aktuelle Modelle von Wostok (‘Amphibian Classic’ auf Meranom.com) mit dem Kaliber Wostok 2416 (Automatic, Datum), sowie der neu aufgelegten Marke ‘Buyalov Design’. Beide Modellreihen gibt es u.a. in einem optisch fast mit dem sowjetischen Gehäuse 119 identischen Tonneaugehäuse (Gehäuse 090), es ist mit 41 mm Breite grösser, mit Saphirglas statt Plexiglas, die Ansatzbreite des Bandanstosses beträgt 22 mm. Es gibt bei diesem modernen Reissue-Gehäuse keinen konzentrischen bzw. radialen Schliff, sondern es ist gleichmässig matt bzw. rauh (sand- oder perlgestrahlt).
 
Bis vor wenigen Wochen gab noch mehrere Wostok Amphibia-Modelle im Retro-Sowjet-Stil und mit Wostok 2416 im Abverkauf für 95 $. Im Moment ist nur noch ein Wostok-Modell im Tonneaugehäuse auf Meranom verfügbar.
UTAMOH THUMO
Letzte Änderung: 17 Feb. 2024 05:01 von andi2.
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