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Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

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Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

27 Okt. 2023 18:29 - 27 Okt. 2023 19:08
#18637
Ich habe die Uhr in anderen Threads schon erwähnt. Die YAS100G mit dem etwas seltsamen Namen "Body and Soul" ist für mich die schönste unter all den Modellen von Swatch. 

Ich habe die Uhr etwa 2010 in einem Basler Kaufhaus mit Uhrenabteilung neu gekauft, damals für 180,- SFr. Nachdem ich sie selbst jahrelang gelegentlich trug, habe ich sie vor Jahren im Freundeskreis weiterverkauft. Nun habe ich sie zum gleichen Preis wieder zurückgekauft. Es war, wie ich vermutet hatte. Die Freundin, die sie damals kaufte, trug sie schon länger nicht mehr und hatte kein Problem damit, weil sie sich mittlerweile andere Uhren angeschafft hat.
Ich wollte die Uhr deshalb gern wieder haben, weil sie quasi eine Art Designikone von Swatch ist und gleichzeitig eine mechanische Uhr in einem Metallgehäuse, die man (theoretisch) dauerhaft im Funktionszustand erhalten kann, denn das Gehäuse kann man öffnen und das Werk kann man zerlegen und revidieren bzw. reparieren. Das Modell war seit 1997 im Programm und wohl noch bis 2021 überall im Handel und direkt bei Swatch zu bekommen. Mittlerweile, seit mindestens 2022, ist die Uhr überall ausverkauft. Man kann also davon ausgehen, dass die YAS100G "Body & Soul" eingestellt wurde.



Sie repräsentiert heute also schon eine vergangene Epoche der Marke Swatch, die ja aktuell in den vergangenen ca. zwei Jahren durch einen fast unvergleichlichen Verkaufshype wieder zu einem wichtigen Thema in der Uhrenwelt wurde, nachdem es zuvor jahrelang sehr ruhig um die Marke geworden war. Es wurde zunächst eine Swatch-Designkopie, oder besser Design-Hommage der Omega Moonwatch als Quarz-Chrono lanciert, und vor wenigen Monaten eine Swatch-Version der Blancpain "Fifty Fahoms", diese mit dem Simpel-Automatic-Kaliber 'Sistem 51'. Beide Uhren haben ein Gehäuse aus 'Bioceramic', d.h. einer Mischung von Kunststoff aus Pflanzenöl mit Pulver von gemahlener Keramik. Bei beiden Modellen, sowohl bei der Moonswatch als auch bei der Swatch-Fifty Fathoms ist der Uhrboden mit dem Gehäuse verschweisst, die Uhren können somit nicht geöffnet werden und sind Einweg- bzw. Wegwerfuhren. Und dabei sind sie deutlich teurer als die frühere YAS100G, die zuletzt wohl etwa 210,- SFr bzw. 240,- Euro kostete.

Wie es scheint, ist das die Zukunft von Swatch.
Gibt es aktuell überhaupt noch irgendwelche Swatch-Irony-Modelle mit Automatic-Werken (ETA 2840 / 2841-1), die nicht mit dem vernieteten und damit unreparierbaren 'Sistem 51' ausgestattet sind?

Blicken wir doch mal kurz zurück in die Geschichte der Marke Swatch:

Die seit 1983 existierende Marke Swatch wurde zu einem grossen Erfolg durch den massenhaften Verkauf von günstigen Quarzuhren in Plastikgehäusen, es gab zahlreiche Designs bzw. Modelle, die schnell aufeinander folgten und oft von namhaften Künstlern entworfen wurden. Schnell entwickelte sich ein Sammlermarkt für diese Uhren. 
Die Marke Swatch und das neuartige Konzept der Billig-Design-Uhren entstand zeitgleich mit der Swatch-Group. So wird die Massenmarke Swatch oft als 'Retterin der Schweizer Uhrenindustrie' bezeichnet. Ihr Erfolg beendete eine jahrelange Abwärts-Spirale der Schweizer Uhrenindustrie, wo immer mehr zum Untergang verurteilte Betriebe in Dachgesellschaften zusammengefasst wurden, die ihrerseits wieder bankrott gingen.
"Die Swatch Group entstand 1983 als SMH (Société de Microélectronique et d’Horlogerie SA / Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie AG) aus der Fusion der Uhrenhersteller ASUAG (Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie, gegründet 1931) und der SSIH (Societé Suisse de l’Industrie Horlogère, gegründet 1930), nachdem eine schwere Krise in der Schweizer Uhrenindustrie, die in den 1970er-Jahren durch die enorme Billig-Konkurrenz aus Asien hervorgerufen wurde, die beiden Unternehmen in die Insolvenz gezwungen hatte. Der Aufbau von SMH erfolgte durch Nicolas George Hayek sen. zusammen mit Stephan Schmidheiny als grösstem Geldgeber, welcher den Fähigkeiten und Absichten von Hayek vertraute. 1998 änderte der Konzern seinen Namen in Swatch Group (The Swatch Group AG)."  de.wikipedia.org/wiki/Swatch_Group

Ab 1992 gab es neben den Quarzuhren auch solche mit mechanischen Automatic-Werken, zunächst weiterhin in Plastikgehäusen.

Die YAS100G wurde 1997 auf den Markt gebracht, als eines der Modelle der ersten 'Irony'-Serie. Diese Uhren hatten erstmals Metallgehäuse aus Edelstahl oder Aluminium und oft Edelstahlbänder. Die 'Body & Soul' ist eine Skelettuhr, d.h. ohne Zifferblatt und mit einem skelettierten Automatic-Werk ETA 2841-1.



Das Gehäuse ist 37 mm breit ohne Krone, misst der Länge nach 42,5 mm und ist 12,3 mm dick. Es hat die typische Form der Swatch-Uhren der '80er und '90er Jahre und besteht aus Edelstahl. Die Uhr ist auf beiden Seiten durchsichtig mit einem dicken, am Rand gewölbten Plexi-Uhrglas und einem flachen Plexi-Pressboden und ermöglicht so den beidseitigen Blick auf das Werk. Es gibt bei dieser kompromisslosen Skelettuhr überhaupt keine Andeutung einer Stundengradierung oder Minuterie, sondern das nackte Werk wurde eingeschalt und man kann die Zeit nur an der Zeigerstellung ablesen.



Die Zeiger sind parallelseitige schmale Zeiger mit kurzen Gegenwichten (Schwänzchen) mit abgerundetem Ende und rundlich zugespitzt. Der Sekundenzeiger ist sehr dünn und filigran parallelseitig mit einer runden Kelle vor der Spitze und mit einem längeren Schwänzchen mit rundem Endknopf. Die Kelle des Sekundenzeigers, sowie der Stunden- und Minutenzeiger sind mit weisser Leuchtmasse ausgelegt. Dies bietet immer einen guten Kontrast beim Ablesen. Man sieht auf den Fotos auch, dass die Leuchtmasse nicht gealtert ist, sondern immer noch schön weiss ist. Sie leuchtet auch immer noch so gut wie am Anfang (die Uhr ist kein Wunder an Leuchtkraft, aber das Leuchten ist auch nach einiger Zeit noch gut zu erkennen). Ausserdem sieht man, dass das Gehäuse gut dichtgehalten hat, denn das Werk ist immer noch makellos sauber.



Das Werk ETA 2841-1 ist schön skelettiert, die Skelettierung ist modern im Sinn der '90er Jahre mit bogenförmigen, an den Enden gerundeten Durchbrüchen. Die silberfarbene Oberfläche der Platinen ist matt, nicht durch einen Schliff, sondern einheitlich rauh, wie perl- oder sandgestrahlt. Manche Werksteile auf der Zifferblattseite sind vergoldet: die Aufzugdecke mit der Winkelhebelfeder und das zentrale Rad in der Werksmitte, das ein wenig wie ein Schiffs-Steuerrad aussieht (es bewegt sich zusammen mit dem Stundenzeiger und dürfte bei dem Skelettwerk als Ersatz für den Flitter und das Zifferblatt dienen).



Auf der Rückseite ist immer genau eine Hälfte des Werks von dem halbkreisförmigen, schwarz bedruckten Rotor bedeckt. Da steht 'Swatch Irony Automatic'. Es ist überhaupt interessant, wie oft auf der Uhr der Name 'Swatch' steht. Vorn ist viermal 'Swatch' auf der Lünette graviert und zweimal ist 'Swatch' eingeprägt auf den beiden Anstossgliedern des Bandes am Gehäuse. Auf dem Rotor steht 'Swatch ' und als eine der Prägungen der Gehäuserückseite rund um den Plexi-Pressdeckel steht nochmal 'Swatch'. Ein letztes Mal finden wir 'Swatch' als Prägung auf dem Sicherheitsbügel der Faltschliesse am Band. Insgesamt prangt der Name also zehnmal auf der Uhr.
Never forget!









Weil immer ein Teil des Werks vom Rotor bedeckt wird, braucht es mehrere Fotos, bis man alles gesehen hat.

Das Uhrenband ist fünfreihig und scheint massiv zu sein, wenn man es von oben und seitlich betrachtet. Von unten sieht man aber, dass nur die beiden seitlichen Reihen massiv sind, die mittleren drei Reihen, sowie die Endglieder des Bandes am Anschluss ans Gehäuse sind gefaltet. Mehr kann man bei dem Preis auch nicht erwarten. Es gibt eine Kasten-Faltschliesse mit Sicherheitsbügel, die eine Lochreihe von 4 Löchern zur Feineinstellung der Bandlänge hat.





In einem zweiten Teil will ich noch näher auf das Werk und seine Technik eingehen, ich habe auch noch ein paar Detail-Fotos, aber nicht mehr heute. Ich hoffe, es war interessant bis hierhin...

Gruss Andi
 
UTAMOH THUMO
Letzte Änderung: 27 Okt. 2023 19:08 von andi2.
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Re: Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

27 Okt. 2023 22:52
#18640
Wow! Das nenne ich mal eine Uhrenvorstellung!, Vielen lieben Dank dafür.

Nun, die "Body & Soul" wäre nicht unbedingt meine Wunschuhr, obwohl sie ein paar Details nach meinem Geschmack hat. Aber skelettierte Ziffernblätter sind nicht so ganz meins, ich habe sogar gerade eine günstige ARAGON Evo Skelettuhr sausen lassen. Und es sind ein bisschen zu viele polierte Flächen vorhanden, ich fahre mittlerweile eher auf matten Werkzeuglook ab.

Aber dennoch, bei der Uhr sieht alles aus wie aus einem Guß. Alles passt zusammen, dazu noch dieses eigenständige Design, das macht sie zu einer echten Ikone.

Nur soll niemand mehr über INVICTA schimpfen, dass da zu viel Bandenwerbung drauf wäre. Die SWATCH toppt das ja wohl locker!

Schade, dass der Hersteller nun bei seiner Eigenmarke wieder zum billigen Plastik zurückkehrt. Denn Edelmarken-Schriftzug hin oder her: Sowohl Moonswatch als auch die "Swatchpain" sind in meinen Augen nichts anderes als überteuertes Plastik-Gedöns.

 
“There is more stupidity than hydrogen in the universe, and it has a longer shelf life.”
― Frank Zappa
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Re: Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

28 Okt. 2023 02:44 - 28 Okt. 2023 04:24
#18642
Ebenfalls Danke für die ausführliche Präsentation der „Body & Soul“!
Zeugt es doch davon, dass eine Beschreibung zu einer Uhr mehr als aus einen mühsam zusammengepressten Satz bestehen kann. 
Ja, es macht halt etwas mehr Arbeit, aber für den Betrachter umso aufschlussreicher und interessanter. Und nicht zu vergessen, es kann auch der Anreiz zu einen Kauf sein. Wie bei mir geschehen! Da ich nicht gerade der Typ bin, der Armbanduhren „sammelt“. Aber bei dieser Uhr, die einen aufschlussreichen Aliasnamen hat, mit „Body & Soul“ bezeichnet. war es wirklich die Seele, sprich das Innere der Uhr, das mich faszinierte und immer noch fasziniert. Wo andere Uhren nur den äußeren Anblick auf das Zifferblatt und die Rückseite gewähren, zeigt uns die „Body and Soul“ ihr sehr interessantes Innenleben. Außerdem ist es immer wieder bemerkenswert, weist uns jemand explizit auf ein Detail hin, so stellt man des öfteren fest, Menschenskinder, darauf habe ich ja garnicht geachtet. So auch bei mir, der vom Verfasser erwähnte vielfach vorkommende Schriftzug „Swatch“, das mir erst jetzt ins Auge fällt, sich aber - wie ich finde - sehr harmonisch in das Gesamterscheinungsbild einfügt. Und damit komme ich zum Schluss, sonst wird meine Würdigung für die Uhr und die Uhrenvorstellung länger, als diese selbst. Deshalb nochmals Dank am Andreas und ein Foto der Uhr von mir.
Jetzt noch eine Bemerkung rein privater Natur, habe mir gerade das Originalbild (auf meinen Apple IPad) von dem das hier zu sehen ist, angeschaut, und mein Eindruck dazu, ich drücke es mal ehrlich aus, es sind fast Welten dazwischen!.Das Original, die Uhr von einer Leuchtkraft und Brillianz, ebenso die Unterlage, ein Onyx- Marmor mit einer kryptokristalienen Struktur, durchzogen von goldig funkelnden Glimmerflocken, die an einen Sternhimmel in klarer Nacht erinnern, im Original ein einziges Funkeln, hier nichts davon zu sehen! Direkt enttäuschend! Habe dieses schon öfters bemerkt, hier aber besonders gravierend! Wie kommt das zustande? Welche Erklärung? Der totale Verlust der Original- Brillianz! Frage mal an andi, wie siehst du das? (Die Fotos von dir, sehr aussagekräftig, da auf einen völlig neutralen Background, deshalb volle Konzentration auf die Uhr und keine Abschweifung des Auges, durch den Hintergrund!)
 
Gruß Paul
Letzte Änderung: 28 Okt. 2023 04:24 von grafkrokolinsky.
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Re: Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

28 Okt. 2023 04:38 - 28 Okt. 2023 05:04
#18643
Wow! Das nenne ich mal eine Uhrenvorstellung!, Vielen lieben Dank!

Schade, dass der Hersteller nun bei seiner Eigenmarke wieder zum billigen Plastik zurückkehrt. Denn Edelmarken-Schriftzug hin oder her: Sowohl Moonswatch als auch die "Swatchpain" sind in meinen Augen nichts anderes als überteuertes Plastik-Gedöns.











 
Für den letzten Satz meinen besonderen Dank!  

Habe das von chrono24.de hier reinkopiert:

MoonSwatch Review: Überbewerteter Hype oder tatsächliches Must-Have?

Die MoonSwatch: Auch 6 Monate nach ihrer Veröffentlichung sorgt die Swatch X Omega noch für Furore in der Uhrenwelt und lange Schlangen vor den Swatch-Boutiquen. Nach monatelangem Warten konnte ich auch endlich ein Exemplar der begehrten MoonSwatch ergattern und habe es auf Herz und Nieren getestet. Ich verrate Ihnen, was es mit der Swatch im Omega-Speedmaster-Design wirklich auf sich hat: Ist die MoonSwatch eine waschechte Konkurrenz zur Omega Speedmaster? Wie fallen die Qualität und Verarbeitung der bunten Uhr aus? Sollten Sie über ein Kauf nachdenken oder lieber einen großen Bogen um die polarisierende MoonSwatch machen? 

Zum weiterlesen Hier der Link dazu:
www.chrono24.de/magazine/moonswatch-revi...ene-gefahr-p_101501/

 Facit, oder Resümee daraus: (Original chrono24 Text)

……“Wer sich hingegen nicht mit dem Kunststoffgehäuse, dem Quarzwerk und der bunten Farbpalette anfreunden kann, wird mit der Uhr nicht glücklich werden. Auch alle, die der Zusammenarbeit zwischen Swatch und Omega skeptisch gegenüber stehen, sollten lieber einen großen Bogen um die MoonSwatch machen: Kritiker wird die Uhr nicht umstimmen können. Nur wer sich völlig auf das Konzept einlässt und bereit ist, über die kleinen Schwächen hinweg zu sehen, wird mit der Swatch X Omega MoonSwatch uneingeschränkt Spaß haben.“
 
Gruß Paul
Letzte Änderung: 28 Okt. 2023 05:04 von grafkrokolinsky.
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Re: Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

29 Okt. 2023 20:41 - 29 Okt. 2023 21:02
#18674
Nun will ich endlich noch den Rest schreiben...
Wenn ich oben den Eindruck erweckt habe, dass man die 'Body & Soul' mühelos öffnen kann, um das Werk zu entnehmen, so war das evtl. ein wenig optimistisch. Die Meinungen darüber, wie einfach oder schwer oder fast unmöglich es ist, den Plexi-Pressboden zerstörungsfrei, d.h. unversehrt abzubekommen, sodass man ihn am Ende wieder verwenden kann, gehen auseinander, wenn man einmal verschiedene Threads in Uhrenforen zu dem Thema liest. Ich habe es noch nie probiert, einen solchen Swatch-Pressboden zu öffnen, aber ich würde sehr vorsichtig vorgehen, wenn ich es müsste, und sicher mit ordentlich Schweiss auf der Stirn.

Vorgesehen ist von Seiten von Swatch eine solche Reparatur nämlich auch bei diesen Uhren eigentlich nicht. Über die Garantieleistungen hinaus, werden keine Reparaturen durchgeführt (während der Garantiezeit wird halt wohl einfach getauscht), es gibt keinen entsprechenden Reparaturservice und wahrscheinlich auch keinen Ersatzteilhandel.
Wenn ein solcher Plexi-Pressboden beim Öffnen also zersplittert, bekommt man u.U. keinen neuen als Ersatz. Das kann natürlich zu einem grossen Problem werden...
Einen Uhrmacher zu finden, der solche Uhren annimmt, könnte ebenfalls schwierig sein. Das will ich nur mal gesagt haben.

Ich habe hier ein Youtube-Video, wo man zuschauen kann, wie man die Uhr zerlegt (Text asiatisch, für mich unverständlich):

Die Swatch-Uhren sind eigentlich als Einweguhren vorgesehen. Die soll man nicht ewig durch Eingriffe und Reparaturen am Leben erhalten, sondern man soll gefälligst eine neue kaufen, wenn die alte zickt.
Während man durch die Uhren-Bauweise und das Fehlen eines Reparatur- und Ersatzteilservice bei den Irony-Automatic-Uhren einfach nicht unterstützt wurde, so wird bei den neuen Sistem 51-Automatic-Uhren eine Reparatur durch den Werksaufbau sogar verhindert, noch wirksamer, wenn dazu auch noch das Gehäuse verschweisst wird, wie etwa bei den Swatch Fifty Fathoms (was von Swatch mit der Wasserdichtigkeit von 91 m = 50 Faden begründet wird). 

Der Hang bei der Swatch-Group, sehr genau darauf zu achten, dass der Kunde bloss nicht zu viel für sein Geld bekommt, war damals schon vorhanden, und ist später einfach immer extremer geworden. 

Schauen wir uns das Werk doch einmal etwas genauer an:

Das ETA 2841 wurde wie auch das ETA 2840 und das ETA 2842 exklusiv für die Marke Swatch herausgebracht (der Werkehersteller ETA ist auch Teil der Swatch-Group). Es handelt sich bei den 284x-Werken um eine abgespeckte Version des berühmten Massenkalibers und ETA-Dauerbrenners ETA 2824-2.
www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&ETA_2840
www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&ETA_2841
www.ranfft.de/cgi-bin/bidfun-db.cgi?00&ranfft&&2uswk&ETA_2842
Dabei wurde vor allem die Schwingfrequenz von 28'800 A/h beim 2824-2 auf nur noch 21'600 A/h bei den Swatch 284x-Werken reduziert.

Wie bei ETA-Kalibern üblich, ist das ETA-Zeichen und die Kalibernummer 2841-1 neben der Unruh auf die Grundplatine gepunzt:



Die Unruh hat auf beiden Seiten statt der teureren Incabloc-Stosssicherungen billigere Novodiac-Stosssicherungen verbaut (zu erkennen an der Feder in Form eines dreiblättrigen Kleeblatts, anstatt der lyraförmigen Feder bei Incabloc). Auf dem Unruhkloben gibt es bei den Swatch-eigenen 284x-Werken keine Feinregulierung mit Exzenterschraube wie beim 2824-2. Deshalb kann die Geschwindigkeit der Uhr bzw. ihr Gang bei den 284x nur am Rücker (bzw. Regulierschlüssel) direkt auf der Spirale reguliert werden. Der Rücker ist aber unter dem Automatic-Modul verborgen, bzw. von diesem bedeckt. Deshalb muss zum Regulieren die Automatic-Einheit entfernt werden (auch beim 2824-2 können nur wenige Sekunden bequem an der Exzenterschraube reguliert werden, bei grösserer Abweichung muss auch hier die Automaticeinheit abgeschraubt werden, um am Rücker grob vorzuregulieren).
Beim skelettierten ETA 2841 hat der Unruhkloben an Stelle der Exzenterschraube ein Fenster. Der Spiralklötzchenträger der Unruhspirale ist hingegen sofort frei zugänglich und auf meinem Foto sichtbar (dort wird der Abfall eingestellt, nur mit Hilfe einer Zeitwaage möglich).



Der Rotor ist kugelgelagert, die 5 Kugeln sind gut zu sehen. Er ist mit einer Schraube befestigt und kann nach deren Lösen abgeschraubt werden. Beim skelettierten 2841-1 gibt es nur zwei gebläute Schrauben im Werk. Das sind die beiden Schrauben, mit denen das Automatic-Modul am Werk befestigt ist. Nach dem Entfernen der beiden Schrauben kann das ganze Modul abgehoben werden.





Der Swatch-Group-typische Hang zum Sparen zeigt sich beim ETA 2841-1 vor allem an den Teilen der Hemmung: dem Anker und dem Ankerrad. Sie bestehen nämlich beide aus grauem Kunststoff bzw. Plastik. Bestimmt gibt es mindestens ein Patent dafür. Man kann das leicht sehen, wenn man die Zifferblattseite des Werks anschaut. Auf meinen Fotos (oben) sieht man das stumpf graue Ankerrad in dem bogenförmigen Ausschnitt etwa in der Bildmitte zwischen der Unruh und der Werksmitte mit den Zeigern. An dem Ende des Ausschnitts zur Unruh hin erkennt man auch einen Arm des Ankers, der auf einem Zahn des Ankerrads liegt.

Da gab es im Lauf der Bauzeit bei den 284x-Werken mindestens eine Modifikation. Seit mindestens ca. 2005 sieht die Hemmung so wie bei meiner Uhr aus: Anker und Ankerrad aus grauem Plastik. Die älteren 2841-1 in den "Body & Soul"-Uhren der '90er Jahre hatten noch ein Ankerrad aus Metall mit 4 Speichen, nur der Anker war schon aus Kunststoff, aber nicht grau, sondern blau (von der Form vermutlich aber gleich).
Ich habe hier ein sehr gutes Foto aus einem Thread des Omega-Forums, wo das zu sehen ist:



Wenn man einmal Umschau hält bei ETA-Werken der Swatch-Group, findet man diese Baugruppe auch bei den einfacheren Varianten der sogenannten 'Powermatic 80'-Werken, die z.B. bei Tissot verbaut werden. Ich zeige hier einen Ausschnitt aus einem Ölplan für das ETA C01.211 (ein Chronographen-Werk) mit Zeichnungen von Anker und Ankerrad (aus Kunststoff, Form sieht ganz identisch zu den Swatch-typischen ETA 284x aus, wahrscheinlich gleich und tauschbar). Dort kann man auch lesen, dass sowohl die Hebefläche am Anker geölt werden soll, als auch die Ankerlager (Ankerlager werden normalerweise gar nicht geölt). An sehr vielen Stellen kann man hingegen lesen, dass diese ETA-Kunststoff-Hemmungen nicht geölt werden sollen.



Möglicherweise gab es ganz am Anfang auch sogar 284x-Werke, bei denen auch der Anker noch nicht aus Kunststoff war, sondern noch aus Metall bestand mit Rubinpaletten, wie es sonst üblich ist, auch bei allen chinesischen Kalibern (Schweizer Ankerhemmung). Hier sieht man einmal beides im Vergleich (aus einem Beitrag bei Twitter):



Das neue, vor wenigen Jahren auf den Markt gebrachte, vernietete, unzerlegbare und exklusiv bei Swatch eingesetzte Wegwerf-Simpel-Automatic-Kaliber 'Sistem 51' beziehungsweise ETA C10.111 hat natürlich ebenfalls Hemmungsteile aus Kunststoff. Wie es scheint, wurde der Anker noch weiter vereinfacht. Währen der Anker bei den Swatch-284x und den Powermatic-Werken noch so etwas wie eine Ankergabel mit Sicherheitsmesser gibt, wo der Anker an der Ellipse die Unruh anstösst, scheint es beim 'Sistem 51' am Anker nur noch eine Rinne zu geben.



Bei Ebay wird zur Zeit ein ETA 2841-1 angeboten, wo Anker und Ankerrad aus Metall sind, der Anker mit Rubin-Paletten. Ausserdem gibt es am Unruhkloben die Feinregulierung mit Exzenterschraube wie beim ETA 2824-2. Vielleicht gab es das am Anfang der Bauzeit mal so. Ich würde aber eher darauf tippen, dass das privat so umgebaut wurde. Die Stossicherungen der Unruh sind auf beiden Seiten verschieden, das spricht m.E. für einen nachträglichen Umbau.



So, das war nun alles. Mehr gibt es wohl zu der Uhr nicht zu sagen und etwas weniger hätte es sicher auch getan. Wer soll das nur alles lesen...

Hier gibt es noch einen Reparaturbericht des ETA 2842 (fast baugleich zum 2841-1) mit vielen Fotos des teilzerlegten Werks und Anleitung zur Demontage:
uhrforum.de/threads/wartung-einer-swatch...k-in-bildern.431510/

Gruss Andi
UTAMOH THUMO
Letzte Änderung: 29 Okt. 2023 21:02 von andi2.
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Re: Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

31 Okt. 2023 08:12 - 31 Okt. 2023 09:22
#18699
Text auszugsweise von andi2:
„Die Unruh hat auf beiden Seiten statt der teureren Incabloc-Stosssicherungen billigere Novodiac-Stosssicherungen verbaut (zu erkennen an der Feder in Form eines dreiblättrigen Kleeblatts, anstatt der lyraförmigen Feder bei Incabloc). Auf dem Unruhkloben gibt es bei den Swatch-eigenen 284x-Werken keine Feinregulierung mit Exzenterschraube wie beim 2824-2. Deshalb kann die Geschwindigkeit der Uhr bzw. ihr Gang bei den 284x nur am Rücker (bzw. Regulierschlüssel) direkt auf der Spirale reguliert werden. Der Rücker it aber unter dem Automatic-Modul verborgen, bzw. von diesem bedeckt. Deshalb muss zum Regulieren die Automatic-Einheit entfernt werden (auch beim 2824-2 können nur wenige Sekunden bequem an der Exzenterschraube reguliert werden, bei grösserer Abweichung muss auch hier die Automaticeinheit abgeschraubt werden, um am Rücker grob vorzuregulieren).
Beim skelettierten ETA 2841 hat der Unruhkloben an Stelle der Exzenterschraube ein Fenster. Der Spiralklötzchenträger der Unruhspirale ist hingegen sofort frei zugänglich und auf meinem Foto sichtbar (dort wird der Abfall eingestellt, nur mit Hilfe einer Zeitwaage möglich).“

Hier ein paar Beispiele für die Feinregulierung der Unruhe wie es auch anders geht!

Nochmals derText von Andi zur Unruhefeinregulierug:
„Der Rücker ist aber unter dem Automatic-Modul verborgen, bzw. von diesem bedeckt. Deshalb muss zum Regulieren die Automatic-Einheit entfernt werden (auch beim 2824-2 können nur wenige Sekunden bequem an der Exzenterschraube reguliert werden, bei grösserer Abweichung muss auch hier die Automaticeinheit abgeschraubt werden, um am Rücker grob vorzuregulieren).


Das ist für mich das Nonplusultra der Feinregulierung, die Schwanenhalsregulierung 


 

 



Ein einziges Bild des Grauens:  

(Text von Andi)
„Die Stossicherungen der Unruh sind auf beiden Seiten verschieden, das spricht m.E. für einen nachträglichen Umbau.“

So kommt man einen Edelbastler auf die Spur, oder sind Swatch die Stosssicherungen ausgegangen?

Wie wird es da innen ausschauen?
"

Danke Andi für deinen detaillierten Bericht über die Swatch YAS100G
Du hast die Sparmaßnahmen der Swatchuhren schonungslos aufgedeckt! Wie mag es da bei dieser Uhr anschauen?

(Bilder der Feinregulierung von Uhren Köck Wien)
Gruß Paul

Anhänge:

Letzte Änderung: 31 Okt. 2023 09:22 von grafkrokolinsky.
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Re: Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

31 Okt. 2023 09:41 - 31 Okt. 2023 09:57
#18700
Tja, Paul, so läuft es halt, nicht nur bei den Uhren. Schau dir mal ein Auto von heute an. Keine verchromten Türgriffe und Zierleisten mehr und keine Chrom-Stossstangen, statt dessen eine Plastik-Schürze, statt Metall-Radkappen solche aus Plastik, statt richtigem Heckfenster eine Art Mini-Schiess-Scharte, durch die man ein Stück Himmel sieht und eine Kamera mit Display im Armaturenbrett und hundert Sensoren für den Warnpiepser (dafür gibt es sicher einen Fachausdruck wie Fremdkörper-Annäherungs-Alarmton-Warnsystem).  

Bei den Feinregulierungen, die du zeigst, ist die erste eine klassische Schwanenhals-Feinregulierung (Uhr wohl aus Glashütte). So wahnsinnig bequem sind die auch nicht, man muss ja an der waagrechten Schraube der Schwanenhals-Zwinge regeln. Je nachdem, wie hoch die Gehäuse-Seitenwand ist, kommt man nicht recht an die Schraube. Dann muss zum Regulieren das Werk ausgebaut werden. Das zweite (Alpina, ein ETA-Werk, evtl. 6497/98 TU-Werk) ist eigentlich keine Feinregulierung, sondern es gibt einen Rückerzeiger, sodass man nicht direkt an den gegenüberliegenden Regulierschlüssel gehen muss. Das ist sehr bequem. Das dritte ist wohl ein ETA-Valjoux-Taschenwecker mit spezieller Feinregulierung dieser Kaliber. Das vierte ist eine Feinregulierung mit Exzenterschraube wie beim ETA 2824-2, da kann man nur die Feineinstellung an der Schraube machen, das grobe Voreinstellen muss man am Regulierschlüssel (Rücker) vornehmen.

Dass man bei den ETA 284x-Werken und dem 2824-2 zum Regulieren das Automatic-Modul abnehmen muss, um an den Rücker zu kommen, ist natürlich blöd...

Ich habe da noch etwas nachzutragen, was ich bezüglich der Modifikationen der Hemmungs-Baugruppe des ETA 2841 noch gefunden habe, und zwar habe ich nochmal in das asiatische Youtube-Video reingeschaut, das ich oben verlinkt habe. Und was sehe ich da?

Die Uhr die da zerlegt wird, ist ja genau das gleiche Modell wie meine, eine YAS 100G "Body & Soul" und das Werk auch ein ETA 2841-1.
Und beim Zerlegen sieht man deutlich, dass nicht nur das Ankerrad noch aus Stahl ist, sondern auch der Anker ist ein Stahlanker mit Rubinpaletten.
Ich habe mal zwei Standfotos gemacht:




Ich gehe davon aus, dass das ab Werk so aussah und nicht umgebastelt wurde (beidseitig Novodiac-Stosssicherungen, Unruhkloben mit Fenster, ohne Feinregulierung).

Also kann man wohl davon ausgehen, dass es bezüglich der Hemmungs-Baugruppe drei Modifikationen des ETA 2841 gab, die zeitlich aufeinander folgten:

Modifikation 1) Ankerrad aus Metall, vierspeichig / Anker aus Stahl mit Rubinpaletten
Modifikation 2) Ankerrad aus Metall, vierspeichig / Anker aus Kunststoff, blau
Modifikation 3) Ankerrad aus Kunststoff, grau / Anker aus Kunststoff, grau

Gruss Andi

 
UTAMOH THUMO
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Re: Swatch YAS100G "Body & Soul": Es war einmal...

31 Okt. 2023 10:22
#18701
So, das war nun alles. Mehr gibt es wohl zu der Uhr nicht zu sagen und etwas weniger hätte es sicher auch getan. Wer soll das nur alles lesen...
 
Wer das alles lesen soll? Na ich zum Beispiel! Ich habe durch deinen ausführlichen Bericht wieder einiges über Uhrwerke gelernt und bekomme immer mehr Lust, einmal selber Hand anzulegen. Aber anderseits kenne ich ja auch meine grobmotorischen Finger. Viel mehr als einen Batteriewechsel sollte ich mir nicht zutrauen 
“There is more stupidity than hydrogen in the universe, and it has a longer shelf life.”
― Frank Zappa
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